Wednesday, November 28, 2007

Tradition und Ehre der deutschen Gewerkschaften

Die Gewerkschaften bleiben sich treu: Über zwei Jahre nach der antisemitischen Bebilderung des Mitgliedsblättchens Metall, in dessen Folge sich die Rede von «Heuschrecken» komplett im allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert hat, setzt der DGB noch eins drauf.

Die Verschwörungsfanatiker «Die Bandbreite», eine Hip-Hop-Band, die ihre Bekanntheit wohl vor allem ihren YouTube-Videos und den massenverträglichen Inhalten verdankt, durften auf einem Gewerkschaftsfest ungestört ihre steilen Thesen zum 11. September unter die Gäste bringen. Die flotte Täter-Opfer-Umkehr will von den Verantwortlichen vorher niemand gehört haben, die Gruppe wurde von der IG Metall-Jugend empfohlen – die mit dem Antiamerikanismus im Stile ihres großen Bruders konform geht.

Wer sich nicht nur die betroffenen Stellungnahmen der Gewerkschaftler, sondern auch das irre Video der Musikanten angucken will, liest auf Spiegel Online weiter.

Tuesday, November 27, 2007

Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus

Pünktchen und Anton verspüren ein weiteres Mal den Drang, sich im großen Dschungelcamp namens Marburger Linke zu positionieren – was ein weiteres Mal per negativer Definition durch unklar bleibende Abgrenzung vom Rest geschieht –, und ein weiteres Mal kommen sie nicht ohne ihre geliebten Liedtexte aus.

Leider hat sich die Marburger Gruppe Dissident dabei von Tocotronic-Titeln genau in dem Moment getrennt, in dem eine Orientierung an deren Liedtexten angemessen wäre. «Sag’ alles ab» wäre ihnen aber offensichtlich zu nihilistisch rübergekommen, und Kapitulationen konnte man in Deutschland noch nie gut haben, die eigenen jedenfalls nicht. Deshalb orientiert man sich lieber an Altbekanntem: «Welcome to the jungle» lautet die erste Zwischenüberschrift des aktuellen Flyers, und man weiß auch nach dem Lesen desselben nicht, welcher Dschungel nun gemeint ist: derjenige, von dem sich abgegrenzt wird (RCDS und andere Langweiler) oder der eigene, der in höchsten Tönen gelobt wird?

Aber wird überhaupt gelobt? Tatsächlich liest sich der Text eher wie ein Führungszeugnis: Ja, sie haben alle Vorgaben erfüllt, um nach Marburg ströhmenden Linken aller Couleur ein feucht-schlammiges Biotop zu geben – sei umschlungen, halbes Dutzend, hier fühlt ihr euch zuhause: Burschenschaften doof finden? Check. Teilnahme an Studistreiks? Check. Globalisierungskritik? Check. Antifaschismus? Check. Befürwortung von Frauenrechten? Check. Hier ist wirklich alles drin!

Dabei aber bloß nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, dann macht man es schon allen recht, das scheint man sich gedacht zu haben – wer sich nach mehr sozialer Gerechtigkeit, freiem, kritischem Studium und Kritik an «der Armut am unteren Drittel der Gesellschaft» sehnt, kann allerdings genauso gut der PDS, Greenpeace oder dem Bund der Steuerzahler beitreten – bloß vom geliebten Palifeudel müßte man sich in letzterem Fall möglicherweise verabschieden. Was macht die Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. aber nun zu einem Teil der «(radikalen) Linken», die im Flyertitel so lieb «hallo» sagt?

Möglicherweise ist es die Erkenntnis, daß alles irgendwie zusammenhängt. Deswegen muß man sich auch gegen bzw. jeweils entsprechend für alles einsetzen, denn «Privatisierung und geistiges Eigentum etwa sind ebenso Themen, die öffentliche Güter in der BRD betreffen, wie in der so genannten Dritten Welt». Es gilt also, sich allem zu stellen, dabei die gemeinsame Basis nie aus den Augen zu verlieren und aufzupassen, daß dabei trotzdem noch ein griffiges Profil übrig bleibt, das die vermeintlichen d.i.s.s.e.n.t.e.n. irgendwie vom Rest abgrenzt.

Glücklicherweise bietet man sich auch gern als Terroristenversteher an, was der Gruppe eine ganz sichere Platzkarte in der deutschen Linken für die gesamte Saison einbringt: es sollen nämlich «Alternativen zur [sic] militärischen Interventionen ergründet und der sie begleitende Terror zurückgedrängt» werden. Terror begleitet militärische Intervention als ihr lange vermisster Bruder, ganz recht, bedenklich allerdings: wenn dieser zurückgedrängt wird, steht er erst recht mit dem Rücken zur Wand, an die er doch schon durch die USA, Israel und alle anderen Bösewichter geschubst wurde – obacht, da entsteht schnell eine Gewaltspirale!

Zumindest die Definitionsmacht darüber, was links ist, wähnen die d.i.s.s.i.s. jedenfalls schon lange auf ihrer Seite: «Antideutsche sind keine Linke», beschied zum Beispiel eine Gruppe von Gruppen, der Einfachheit halber von sich selbst «Einige Marburger Linke» genannt und der Lustigkeit halber auch von anderen, und auch die G.r.u.p.p.e. d.i.s.s.i.d.e.n.t. ist eine dieser Gruppen in der Gruppe. Als das Marburger Kosmopolitbüro einen Vorabdruck des Textes in einem eigenen Flyer vornahm, wurden die d.i.s.s.i.s. böse und quittierten den Vorstoß durch Schubsen einer nach ihrer Definition nicht linken Person. Vielleicht zeigt sich darin der radikale Charakter der Gruppe. Vielleicht ist es auch der prekäre Superheld, der den Flyer ziert – der ist immerhin vermummt.

Vielleicht wird sie aber bald auch noch einsichtiger und kommt dort an, wo andere lustige Linke wie die Gruppe Linksruck (die laut Beschluß der «Delegiertenkonferenz» sinnigerweise auch schon in der «Linken», also der Partei, die so heißt – puh, ganz schön anstrengend, wenn alle gleich sind, aber irgendwie unterschiedlich sein wollen – angekommen ist) angefangen haben: Beim Wahlaufruf zur SPD. Denn wenn Koch weg ist, das wissen alle Linken schon seit seiner Wahl, kehrt endlich wieder Friede ein, und zwar urbi et orbi.

Zur Dokumentation sei hier noch auf das Flugblatt selbst (Seite 1, Seite 2) verwiesen – die G,r,u,p,p,e, d;i:s-s–i.d,e!n?t, scheint keinen Wert darauf zu legen, ihr eigenes Gefasel auf ihrer Website zu präsentieren.

Besserwisserisches PS zu Superflexens Bildunterschrift: Moleküle als mutierend zu bezeichnen, ist ein Kategorienfehler. Bloß Gene können das mitunter.