Saturday, June 30, 2007

Mit Richard Herzinger gegen die Resakralisierung einer Moraldebatte?!

Bezugnehmend auf die nunmehr schon etwas weiter zurückliegenden Ausführungen Richard Herzingers: Republik ohne Mitte. Ein politischer Essay, Berlin 2001, S. 145 ff. seien einige Gedanken zur aktiven Sterbehilfe sowie insbesondere zu § 216 StGB angestellt.

Vollkommen zu Recht sieht Herzinger in den vehementen Abwehrreaktionen deutscher Öffentlichkeit in Ansehung drohender »niederländischer Verhältnisse« eine von Verlustgefühlen (hinsichtlich ideologischer Gewissheiten, bürgerlicher Öffentlichkeit wie moralischer Instanzen etwa) getriebene »Resakralisierung der Moraldebatten« als »zentrales Kampffeld, auf dem die Reinstallierung eines substanzialistischen Moralbegriffs durchgesetzt werden soll«.

Fraglich bleibt allerdings, ob in der von Herzinger nun weiterhin angeführten – und sicherlich reichlich ungenauen – Klage, »beim niederländischen Gesetz handele es sich um eine staatliche Einschränkung des individuellen Lebensrechts«, nicht doch ein Kern berechtigter Kritik an dem Verzicht auf eine Instanz wie § 216 StGB etwa enthalten sein kann; eine Frage, die Herzinger im besten Fall unbeantwortet lässt. Außer Frage sollte der grundsätzliche Vorrang der Selbstbestimmung des je Einzelnen vor einem staatlicherseits aufoktroyierten Lebensschutz stehen. Ein solches Verständnis schlägt sich bereits in der schon – zumindest nach zutreffender Auffassung – tatbestandsmäßig ausbleibenden strafrechtlichen Missbilligung des Selbsttötungsverhaltens nieder. Auf dieser Prämisse, die für sich genommen noch für eine Regelung wie die niederländische spricht, aufruhend sind indes zwei weitere Befunde beachtlich. Zunächst kann nicht bestritten werden, dass ein nur sehr kleiner Teil aller Willensbekundungen in Richtung eines Sterbewunsches auch tatsächlich – im Sinne eines funktionalen Verantwortlichkeitsbegriffs, wie Georg Freund ihn etwa pflegt (vgl. nur Erfolgsdelikt und Unterlassen. Zu den Legitimationsbedingungen von Schuldspruch und Strafe, Köln 1992, S. 198 f.) – freiverantwortlich getätigt wurde. Es besteht sozusagen stets ein Risiko, im vorliegenden Fall könne der Betreffende immernoch einem beachtlichen Willensmangel unterliegen. Weiterhin ist ebenso klar, dass beim »selbst Hand an sich Legen«, welches heutzutage im Übrigen nicht mehr des Rückgriffs auf Strick oder Revolver bedarf, der offenbar Sterbewillige eine ungleich höhere Hemmschwelle zu überwinden hat als bei der schlichten Delegation jenes Aktes an einen Zweiten. Vor diesem spezifischen Hintergrund lässt sich gerade in Anbetracht des eventuell doch noch vorhandenen Lebenswillens zumindest das Tötungsverbot aussprechen, das beinhaltet: »Tu es gefälligst selbst!«. Und dieses genießt unmittelbaren Schutz durch die ihm zugewiesene Sanktionsnorm: § 216 StGB. In Ansehung einer solchen spezifischen Ratio jener Bestimmung müssen allerdings – und das tun herrschende Lehrmeinung und Rechtsprechung sicher nicht – entsprechende Ausnahmekonstellationen berücksichtigt werden. Denn in Fällen des Nicht-mehr-fähig-Seins zur autonomen Durchführung der Selbsttötung fällt auch der Legitimationsgrund für das Verbot, einen solchen Akt an Außenstehende zu deligieren, weg. Erinnert sei hier an das Szenario eines vollständig gelähmten, sogar nicht mehr schlucken könnenden Patienten, dem einzig der Augenlidschlag zur Kommunikation mit der Außenwelt verbleibt.

Friday, June 15, 2007

Deutschland erregt sich - «Mein Führer» und die Reaktionen auf einen Versuch, dem deutschen Faschismus mit Humor beizukommen

Das Thema «Hitler» wird bei der Schmiedung regelmäßig als heißes Eisen verkauft, obwohl es sich meist um kalte Fische handelt, auf die die Männer und Frauen mit dem Hammer kloppen. Die deutsche Illusion, daß alles gesagt und jede weitere Beschäftigung überflüssig, ja verwerflich sei, ist auf kaum einem Betätigungsfeld berufsmäßiger und/oder hobbyesker Professoren größer. Bei nur ganz wenigen Themen verfällt Deutschland in dermaßen starke Reflexhaftigkeit, daß jedes weitere themenbezogene Nachsinnen – so es stattfindet – kein produktives, sondern nur mehr protektives ist, um den affektiv zusammengelogenen Status quo beizubehalten.

Kaum jemand reagiert auf Hitler affektiver als deutsche Linke, die auch sonst, wenn intellektuell neue Komplexe drohen, des öfteren gern eine Zeitreise zurück in die Zeit des Eisernen Vorhangs begehen würde, als ihnen Fronten und Rollenverteilung noch klar erschienen.

Enttäuschtes Feuilleton

In keiner anderen Kunst-, in kaum einer anderen Unterhaltungsform wird dem Medium – im Kontrast zum Inhalt – dermaßen wenig Beachtung geschenkt wie im Film. Frappant zeigt sich dieses Phänomen immer wieder gern bei – zumal schlechten – Filmkritiken. Nirgends sind die sich intellektuell gebenden Filmkritiken übrigens schlechter als in linken deutschen Publikationen, was insbesondere in «Konkret» von einem auf den anderen Monat aufs neue verfolgt werden kann.

Als bekannt wurde, daß Dani Levy eine Komödie über Adolf Hitler mit Helge Schneider in der Hauptrolle drehen würde, war das Interesse in den deutschen Feuilletons groß. Ob das wohl ginge, wie das wohl ginge, fragte man sich und es machte zumindest den Anschein, daß die gestellten Fragen keine rhetorischen waren, sondern die Fragesteller tatsächlich noch zu keiner Antwort gekommen waren.

Schon vor dem Publikumsstart des Films «Mein Führer – die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» änderte sich aber die Stimmung. Ungefähr zu der Zeit, in der den deutschen Filmjournalisten die Gelegenheit gegeben wurde, sich den Film anzuschauen (die Pressevorführung fand bereits im November statt, der Verleih verhängte jedoch eine Sperrfrist bis Ende Dezember), wurde die Stimmung tendenziöser; Kritik an Dreharbeiten am Brandenburger Tor – inszeniert wurde eine Parade des Führers an jubelnden Mengen entlang, inklusive meterlanger Hakenkreuzfahnen und Hitlergrüßen – wurden laut, dankbar wurde Helge Schneider herangezogen, der sich beschwerte, hätte er gewußt, wie der Film letzten Endes aussehe, hätte er gar nicht erst mitgemacht.

Als der Film dann Anfang Januar endlich in den Kinos anlief, brachen die Dämme. Außer drei Sandsäckchen schippenden Kritikern von Stern, Frankfurter Rundschau und Spiegel Online war man sich einig, daß das so nicht geht. Spiegel, FAZ, taz, Zeit, Welt – alle, auch die bürgerliche, sich sonst aber so gern gegen den bürgerlichen Mainstream stemmende Zürcher Weltwoche schrieben von einem mißlungenen Versuch. Wieso?

Der Reflex der Kritiker

Wer es sich ganz einfach machen wollte, schloß sich Lea Rosh an. Eine Komödie über Hitler, das ginge nicht, befand sie, außer, man sei ein Genie, so wie Charlie Chaplin es war – implizierend, daß es die Ausnahme der Regel zwar geben könne, die Ausnahme der Ausnahme jedoch nicht. Diese Fraktion war schon mal auf dem sicheren Dampfer, verinnerlichte sie doch am stärksten das Ende der Geschichte Adolf Hitlers.

Aber auch alle anderen bedienten sich beim eingangs benannten Affekt und besannen sich einzig darauf, daß es hier schließlich um Hitler geht – und Hitler ist böse. Ihn als alptraumgeplagten Bettnässer, zahnlosen Choleriker, stimmlosen Jammerlappen darzustellen, ist nicht zulässig. Diese Eingebung hatte keiner der Kritiker, als Oliver Hirschbiegel zum Start seines «Untergangs» im Playboy bekundete, daß Hitler eben auch väterlich und charmant gewesen sei und man ihn nicht nur als Monster darstellen dürfe. Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Wird beim „Untergang“, der inzwischen in den Schulen als Ergänzung zum Geschichtsunterricht läuft, historische Authentizität behauptet, macht «Mein Führer» schon mit seinem Untertitel «Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler» klar, daß hier eben keine Lehrbuchverfilmung stattfinden soll. Trotzdem ist es die Komödie, deren verzerrende Darstellung bemängelt wird – ist der Führer im Film schon kein Charmeur, soll er eben wenigstens gruselig und gemein sein. Wird er als Witzfigur dargestellt, fühlt der deutsche Kritiker sich gekränkt. (Und bestätigt damit en passant die Mitscherlichsche These, daß die Deutschen gern um ihren Führer trauern würden, sich aber meist rechtzeitig besinnen, daß das nicht gern gesehen wird.)

Hitler mache in diesem Film, so die Sichtweise von «Konkret», keine angst. Damals, als alles noch seine Ordnung hatte, konnte der Kritiker sich fürchten, als Helge Schneider in Christoph Schlingensiefs «Menu total» schon einmal den Hitler gab. Bei Levy werde er nur noch als armes Wiener Würstchen dargestellt, und das, wir erinnern uns, geht nicht, weil Hitler das eben nun mal nicht war. Berichtigung: Gerade in der ersten Szene des Films, die Hitler zeigt, sieht der Zuschauer einen Mann, der angst macht. Seine Stimme erfüllt den in nationalsozialistisch-gigantomanischer Manier überdimensionierten Raum und wirkt einschüchternd – das umso mehr, als es sich um eine alptraumhafte Verzerrung jenes TV-Helges handelt, den das Publikum kennt und auch besonders ob seiner Harmlosigkeit mag. Doch nicht nur in diesem Punkt lassen sich die Filmkritiken als entweder dumm oder gewollt falschverstehend entlarven – oder beides.

Auf beiden Augen blind

Zunächst einmal wird der Komödie von nahezu allen Seiten der Witz abgesprochen. «Schüchtern» wird er in der taz genannt, sein Humor in der Welt «schwachbrüstig» und im Spiegel «Rohrkrepierer». Haben die Kritiker geschlafen? Wenn ein leutseliger Goebbels Grünbaum freundschaftlich, fast schon peinlich berührt eingibt, «das mit den Juden» solle er «nicht persönlich» nehmen, kann jeder für sich entscheiden, ob er das lustig findet – schwachbrüstig oder schüchtern sind Witze dieser Art jedoch sicher nicht.

Ganz peinlich wird es, wenn dann noch die Familie Grünbaum als den nationalsozialistischen Rassevorstellungen entsprechend «typisch jüdisches Klischee» bemängelt wird – ein Blick auf die zwei blonden, blauäugigen Kinder von Adolf Grünbaum und seiner Frau reicht, um diese Kritik als geistige Verwirrung zu offenbaren.

Die von nahezu allen Kritiken als wesentlich herausgestellte angebliche Schwachstelle des Films jedoch ist die zur «Erklärung» des nationalsozialistischen Terrors stilisierte Darstellung Hitlers als innerlich entmachteter Führer, der von seinen Eltern einfach etwas zu wenig Liebe erfahren habe und sich deshalb an der ganzen Welt rächt. «Am Anfang war die Erziehung», Alice Millers Auseinandersetzung mit der «Schwarzen Erziehung», wird von Dany Levi selbst (bei dessen durchgängig absurden öffentlichen Äußerungen man sich jedoch generell wundern muß, daß er einen so guten Film zustande brachte) in Verbindung mit seinem Film mehrfach erwähnt und in mehreren Szenen wird direkt bezug genommen auf den kleinen Adolf, der in seiner Position als Diktator das Verhalten nachzeichnet, was sein Vater an ihm vollzogen hat. Der Film redet sich jedoch den Mund fusselig in der Betonung, daß damit nichts gerechtfertigt und niemand entschuldigt werden soll. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung, bloß lachen über die Deutschen – es wird allmählich deutlich, wieso eine solche Komödie weder dem deutschen Publikum, noch der deutschen Kritik gefallen kann.

Hitler ist kein Alien

Einen Film zuvor hat Levy nämlich noch alles richtig gemacht: In «Alles auf Zucker!» waren die deutschen Juden doch endlich in der Gegenwart angekommen, kamen nicht mehr andauernd mit der Auschwitzkeule und Henry Hübchen bewies zusammen mit einem MDMA-konsumierenden Rabbi, daß der deutsche Jude an sich auch lustig sein kann – Kritiker und Publikum waren begeistert.

Ein Film jedoch, der in Nazideutschland spielt und Juden zeigt, die nicht vom guten Deutschen gerettet, sondern vom ganz normalen Deutschen drangsaliert, ermordet und vernichtet werden, kann in Deutschland erfahrungsgemäß wenig Erfolg haben. Daß die Erregung groß ist im Land der Täter, wenn gewöhnliche Deutsche als (mit-)schuldig an der Katastrophe dargestellt werden, war im Verlauf der Goldhagendebatte vielleicht am deutlichsten erkennbar. In Levys Film wird alles gebrochen, jeder Täter, jeder Mitläufer der Lächerlichkeit preisgegeben. Bloß einer ist überhaupt nicht lustig: Der Jude Adolf Israel Grünbaum ist Opfer. Eine für deutsche Verhältnisse wahrlich ungewöhnliche Sichtweise.