Tuesday, December 26, 2006

Prekarisierung und andere Nützlichkeiten

Der Begriff des "Prekariats" ist in den letzten Jahren in deutschen, und insbesondere dort in sich 'links' verorteten Grüppchen und Personenverbänden- und organisationen, zum Kampfbegriff für mehr soziale Nestwärme geworden. Kaum ein linksdeutsches Schmierenblättchen kommt dabei um die scheinbare Dramatisierung der "Amerikanisierung" (taz) deutscher Verhältnisse umhin. Dass dies eine contradictio in adjecto darstellt, interessiert dabei die Wenigsten: Deutsch ist bekanntlich das, wo US-Amerikanisches nie sein darf. "Menschen werden atomisiert", schreibt ein Krisis-Linker im Zuge seiner Definition des Prekariats: Menschen werden also dehydriert, zu Staub zermalen, um dann mit Plutonium angereichert, wieder die Bühne des Lebens zu betreten. Deutlich wird bereits an dieser Stelle, worum es diesen Menschen gehen soll: um die soziale Kälte. Atomisierung, Vereinzelung heißt konkret: jeder ist für sich und nur für sich verantwortlich: hire and fire! Und das ist es, was die Deutschen (und die Linken: oder beides) so sehr stört, nämlich die Gefährdung des Kollektiv durch die Destruktion dessen von innen heraus. Naiv wäre, an dieser Stelle nicht die Affinität zum Antiamerikanismus und dessen Nähe zum Antisemitismus zu sehen: es wird gefürchtet, durch die Prekarisierung, durch die Zersprengung traditoneller Berufsstrukturen, den deutschen Kollektivgeist zu vertreiben: natürlich ist dies nicht dem "automatischen Subjekt" namens Kapital selbst geschuldet, sondern in deutscher Manier muss hier von der Amerikanisierung gesprochen werden. Die Deutschen unterliegen dem amerikanischen Geist, er umnebelt sie, zwingt sie in prekäre Jobs und schneller als die Deutschen sich umschauen, sind sie dann selbst zu Heuschrecken geworden und hüpfen von einem Job in den nächsten. Der "homo precarius" (taz) befindet sich also in einer schlimmen Lage: erst wird er durch den judäo-amerikanischen Bazillus befallen, der ihn sich seiner Nestwärme berauben lässt und dann soll er auch noch zu allem Überfluss eine Tugend an den Tag legen, die dem Deutschen ganz und gar nicht schmeckt: bei alldem auch noch freundlich sein!

Leider sehen auch hier wieder Wahn und Wirklichkeit ein wenig anders aus: die proletarischen Deutschen werden zwar zu mehr Arbeit mit weniger Geld gezwungen, auf amerikanische Verhältnisse wird man hierzulande leider leider vergeblich warten können, denn deutsche Produzenten und Konsumenten haben aufgrund ihres teutonischen Habitusses eine quasi natürliche Abwehrinstanz, sie müssen sich tendenziell und offen antikonsumistisch zu verhalten. Wer kennt sie nicht, diese nahezu ins Groteske fallenden Szenen in deutschen Supermärkten, wo die Bedienung noch König ist und man als Kunde und Konsument zur Devotation gezwungen wird, sich anzubiedern, um nach einem strapaziösen Tag 6 Minuten vor Ladenschluss noch ne Tafel Schokolade bekommen zu können. Oder in einer deutschen McDonald`s-Filiale (sic!) den Zorn der Verkäuferin bereits dadurch auf sich zieht, indem man gar eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch einen Burger bestellt, der im Interesse der dort Arbeitenden nicht mehr hergestellt werden soll. Die Prekarisierung verändert schleichend diesen Zustand, ganz besiegen wird sie ihn nicht: längere Öffnungs- und Arbeitszeiten und der Kampf um Arbeitsplätze zwingt die Deutschen bereits dazu, sich mehr anzubiedern auf dem Markte, doch was der Markt an Aggression schürt, wird dem Kunden zurück geschleudert...daher nutzt leider in Deutschland die Prekarisierung noch nicht viel, wenn man aus Konsumentenperspektive sich nahezu genötigt sieht, weniger zu konsumieren, um der nervigen Konfrontation mit nem Verkäufer aus dem Weg zu gehen. In Deutschland ist die Totalität der Unfreundlichkeit so fundamental, dass zur Prekarisierung noch die Einflusszunahme us-amerikanischer Unternehmen treten muss, die neben der Arbeitszeit auch die Arbeitsweise als Kriterium ins Auge fassen, damit auch dem letzten Deutschen irgendwann der antikonsumistische Rebell ausgetrieben wird!

Sunday, December 10, 2006

De Culina Adversa (I): Warum die "Ahle Worscht" das Essen der Regression ist

Bei selbsternannten Kulturbewahrern jeglicher Couleur ist es Mode geworden, "regionale Gerichte" über ihre die geschmackliche Diversifikation erhöhende Funktion hinaus in einen fast heiligen Zustand zu erheben. Dabei geht es ihnen nicht um den individuellen Charakter, die spezielle Note, gar den Geschmack eines Produktes, die oft genug aus besonderen Gegebenheiten einer Gegend hervorgehen, nein, es handelt sich ihnen darum, die "verwurzelte, bäuerliche Tradition" gegen die nur rational zu kritisierenden Entwicklungen der modernen Nahrungsmittelproduktion in Stellung zu bringen und natürlich, wie könnte es anders sein, die "regional handwerklichen" Herstellungsverfahren als Geschütze im Kampf gegen die "amerikanische" Esskultur aufzufahren, der solche Entwicklungen wahnhaft zugeschrieben werden.

Eine Kritik dieser Bewegung, die in Frankreich zur Staatsraison wurde - man denke nur an die sich auch in deutschen Ökoküchen großer Beliebtheit erfreuenden Karten, auf denen mit Unterstützung vielfältiger zentralistischer Pariser Ministerien die typischen Käsesorten fein säuberlich nach departement und Landstrich verzeichnet sind - muss sich deshalb weniger auf die durchaus zu verteidigende und den Genuss steigernde kulinarische Vielfalt kaprizieren, sondern einen Impetus kritisieren, der noch jedes Gericht begrüßt, das ihm nur den Mythos des "Ursprünglichen" widerspiegelt. Wo in Frankreich durchaus parallel die Überlegenheit eines burgundischen "boulon de culotte" behauptet und Gänseleber, Austern und niedertemperaturgegarter Rinderbraten aufgetischt werden können, bleibt in der deutschen Übersetzung dieser Bewegung nur der Bezug auf die widerliche regionale Tradition übrig. Gute Küche heißt hier nicht, sich aller feinen Unterschiede zu bedienen, sondern ganz im Gegenteil: Der höchste kulinarische Luxus wäre, ganz ohne Supermarkt und Kühlschrank von Sauerkraut und Einlegegurken zu leben.

Ein fast perfektes Beispiel für ein solches regionales Produkt und seine Verteidiger ist die "Ahle Worscht". Diese grob-fade Trockenwurst, die ihre arm-bäuerliche Herkunft nicht verbergen kann, beschreibt schon im kakophonischen Klang des lokal gebräuchlichen Namens "Ahle Stracke" onomatopoetisch das Erleben Verzehr einer solchen. Dieses Gericht, das selbst im 17. Jahrhundert noch den ungeliebten Rest nach Verzehr alles besseren Fleisches bildete, ist ebenso unerträglich wie Nordhessen, woher es stammt; eine Gegend, die sich außer durch ihre bemerkenswert aufklärungs- und reeducation-resistente Bevölkerung, welche sich vor allem mit dem Besuch von Schützenfesten und Saufgelagen in den durchweg grau-eichendunklen Tälern rund um den Edersee in nichts außer ihrer Scheußlichkeit auszeichnet.

Sprießen hier doch allerorten "Spezialitätenmetzgereien" aus dem Boden, deren Hauptabsatzprodukt und ganzer Stolz die "Ahle" ist. Dort ist auch der Sitz des "Fördervereins Nordhessische Ahle Worscht e.V.", dessen schiere Existenz den Betrachter erst erheitern, dann erschüttern wird. In Zusammenarbeit mit den moralischen Gesellschaftskritikern von "Slow Food", deren bezeichnenderweise "Manifest" genannte Selbstdarstellung jedem vernünftigen Menschen ob ihres regressiven Natürlichkeitskults Schauer über den Rücken jagen wird, engagieren sie sich, tatkräftig unterstützt von der Traditionsbewahrerin EU, für ihre geliebte Wurst:

"Wozu ein Förderverein für Nordhessische Ahle Wurscht? Ahle Wurscht, früher ein reines Selbstversorgerprodukt, ist ein gewerbliches Produkt geworden. Damit einher ging bei vielen Herstellern eine Abkehr von der traditionellen Form der Herstellung."

Hausschlachtung gegen Kapitalismus, so das Credo der nordhessischen Wurst-aficionados. Doch keine großen Ziele hat der Förderverein im Blick: Zunächst geht es - und hier wird konsequent die Grenze zur Satire überschritten - um folgendes:

"Im Kern geht es dabei um die Verwendung zu leichter Schweine, eine Teilstückauslese, die Verwendung von Nitritpökelsalz, Fertigwürzmischungen und Starterkulturen sowie weitere Maßnahmen zur vorzeitigen Trocknung der Wurst."

Titanic, übernehmen sie!