Sunday, October 29, 2006

Zählen Sie alle Bio!

War es der mittelhessischen Studentin mit etwas Restgrips im Schädel, für die «Jute statt Plastik» weniger ist als eine Erinnerung, schon seit jeher tendenziell peinlich, mit einer ökobraunen, walldorfgewissensverträglichen Tüte des verbrauchernahen mitteloberhinterhessischen Detailhändlers Tegut an der Hand nach dem Einkauf durch die Innenstadt nachhause zu eilen, wird dieses Unterfangen seit dem freudig gefeierten Bio-Jubiläum noch um einiges erschwert: «25 Jahre Bio Erfahrung» prangt nun in falschem Deutsch auf der Tüte – «Gutes in besten Händen», so hängt es an der Hand der Tütenträgerin. Alles, was gut, fair, öko, bio und irgendwie autochthon-exotisch gelablet ist, hat gute Chancen, im Prospekt des gerüchteweise zum Erzbistum Fulda gehörenden Lebensmittelladens großflächig beworben zu werden.

Hat dieser schon seit längerem die «Magische Kohlsuppe» im Programm, empfehlen die «Guten Nachrichten» nun mit der am morgigen Montag startenden Woche eine neue Dimension des Schwachsinns. Rudolf Steiner ginge das Herz auf bei der Bewerbung «Deutsche[r] Bio-Mondäpfel». Wer zunächst an eine Mondlandungslüge ganz neuen Ausmaßes denkt und sich berechtigt fragt, ob auf dem Mond bereits deutsche Parzellen zugeteilt wurden, liegt falsch: Das Obst wird nicht mit Druckanzug und Sauerstofflasche auf dem erdnahen Trabanten geerntet, sondern «mit Lagerfeuer, Apfelpunsch und erdigen Samba-Rhythmen» im niedersächsischen Hollern. Wenn auch nur Handelsklasse II, verspricht dieses Kernobst dem Tegutschen «Salutogenese-Tipp» zufolge einen Vorteil, der den höheren Kilopreis von 2,99 Euro bei weitem wettmacht: «Bei Vollmond geerntete Bio-Äpfel sollen [sic!] in ihrem Nährstoffgehalt noch konzentrierter sein. Die Früchte bleiben länger frisch, sind schmackhafter und saftiger.» Wem dieses schlagende Argument noch nicht genügt, kann auf der Website der Mondbauern weiterlesen, um den endgültigen Beweis zu erhalten: «Das jedenfalls haben zahlreiche ‹Apfeltester› unabhängig voneinander bestätigt.» Und es geht noch weiter. «Doch auch für den Obstbauern ist dies ein besonderes Ereignis. ‹Wir ernten in dieser Nacht viel bewusster. Jeder Apfel bekommt mehr Liebe und Zuwendung. Der Mondapfel erinnert uns daran, dass die Ernte ein Geschenk der Natur ist›[...]» Und die Natur kriegt, wie man weiß, niemals genug, weshalb ihr ein paar läppische Sonnenwendfeiern mit Fackelmarsch und Bücherverbrennung in Zeiten gesteigerter amerikanischer Umweltverschmutzung und Raucherdschihad einfach nicht mehr genügen. So werden auf der mondbäuerlichen Website gleich noch 16 weitere Betriebe gelistet, die «im Mondschein Äpfel geerntet» haben.

Ein Blick in die Zukunft läßt auf weitere Novitäten im Tegut-Sortiment hoffen. Vollmondtampons zur chakrengerechten Regelblutung, Rindswurst vom Mondkalb, Sternzeichenstreichwurst mit Aszendent in Aspik und Bio-Piemondkirschen mit Erich-von-Däniken-Gütesiegel helfen dem biobewußten Einkäufer, sein Karma im Zaum zu halten.

Der wesentliche Aspekt, der den sinnvollen Ansatz des umweltverträglichen und fairen Produzierens überdeckt, muß gar nicht mehr aufgezeigt werden – der Tegut-Konzern entlarvt ihn selbst als Verkaufsmasche. Unter der Überschrift «Fair feels good» liest man alles, was man wissen muß, nämlich faktisch nichts, die Überschrift allein klärt auf: Um das reine Gewissen, das gute Gefühl geht es; wer fair und bio kauft, hat bei der Beichte im Fuldaer Dom einen Spiegelstrich weniger abzuarbeiten. Ähnlich simpel gestrickt erscheint die Werbung, die auf Sky Radio der Radiohörerin tagtäglich auf den Nerven herumtrampelt: Während Vati den Durchschnittskunden mimt und den geschmacklichen Unterschied von Bio- zu «normalem» Gemüse trotzig verneint, antwortet seine Tochter keck, daß man das ja aber wohl doch schmeckt. So einfach ist das.