Thursday, September 14, 2006

Pilzpfanne und jüngere Bauernsöhne

Dass sich in Deutschland nicht viel ändert, mag der ein oder andere vergessen, wenn er des wochenends eine gar heitere Tour am Rothaarsteig unternimmt – schließlich hält der »Weg der Sinne« für seine Begeher einiges bereit: von tollen Aussichten über bisweilen frisches Quellwasser und urige Feuerstellen bishin zu Unmengen an tellergroßen Steinpilzen, die einem Staunen bereiten. Allerdings weiß das Dillenburger Umland auch Grobzeug aufzufahren:

Da genießt man nach endloser Herumstapferei einen schalen Kaffee nebst Selbstgedrehter im äußerst ursprünglich und authentisch daherkommenden »Lahnhof«, schon rollt ein vom Trekker gezogener und mit zwei Deutschland-, einer Südstaaten- und einer Piratenflagge versehener Bollerwagen ein, bestückt mit etwa 20 feiernden Bauernsöhnen. Nachdem man den schwer überhörbaren Beiklängen ihres deftigen »Rittermahls«, das es erlaubt, Ge- bzw. Abgegessenes an die Wand zu klatschen (und in der Konsequenz dazu animieren will oder es unfreiwillig tut, etwa auch das Geschirr zu zertrümmern, die Bedienung zu vergewaltigen und/ oder die Fremden zusammenzuschlagen), lauschen musste, begegnet man dem Pack dann auch gern ein zweites Mal – mitten im Wald – beim Errichten des Nachlagers. Diesmal tönt einem nicht bloßer Quatsch entgegen, sondern es werden klarere Töne angestimmt: »Deutschland den Deutschen! Deutschland den Deutschen! – Wir fahr’n nach Buchenwald! Wir fahr’n nach Buchenwald!«. Auch diverse drohende Ereiferungen über den Umstand, dass wir Wandersleut’ die Nacht uns inmitten eines Naturschutzgebietes um die Ohren zu schlagen gedachten, sollten nicht ausbleiben.

Auf Menschen ebenjenes Schlags bezog sich wohl Theodor W. Adorno, »Erziehung nach Auschwitz«, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker, Frankfurt a. M. 1971, S. 93 f., als er festhielt:

»[...] die Quälgeister des Konzentrationslagers [...] seien zum größten Teil jüngere Bauernsöhne gewesen. Die noch immer fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt und Land ist eine, wenn auch gewiß nicht die einzige und wichtigste, der Bedingungen des Grauens. [...] Ich registriere dabei nur, daß wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonst wo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenseins nicht allzuviel geändert. Mir erscheint es wichtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verlorenzugehen drohen, anzupreisen. [...]«