Wednesday, July 26, 2006

Ekelhaftigkeiten bei Wikipedia und Ajax

Achja, die Welt ist ein Puzzle. Dran Rumbasteln macht schon Laune - offenbar auch den großen, unbekannten Autoren von Wikipedia.

Als ich vorgestern zum ersten mal erfuhr (Schande über mein Fußball-uninteressiertes Haupt!), dass die Fans des niederländischen Erstligisten Ajax Amsterdam regelmäßig eine überdimensionierte Israel-Flagge über ihrem Fanblock ausbreiten, empfand ich spontane Sympathie für diese vernünftige Aktion, zumal ich mir dachte, »Vernünftiges«, dazu noch im weitesten Sinne »politisch Vernünftiges«, das kann man von grölenden Massen normalerweise nicht erwarten. Zu diesem Gefühl mischte sich noch ein wenig Neugier - schon war ich das alles am nach-wikipediaen (find' ich besser als nach-googlen [-googeln?]). Und zack, war die gute Laune vorüber, denn unter der Rubrik »jüdische Symbolik« des wikipedia-customized and -handmade Ajax-Artikels gibts dann schnell mal folgenden Quatsch zu lesen:

»Das offene Bekenntnis zum Judentum ruft bei gegnerischen Fans jedoch zunehmend antisemitische Reaktionen hervor.«

Aha! So ist das also! Die Ajax-Fans schwenken eine Flagge, und schon gibt es Antisemitismus. Der Gedankengang ist einfach, macht irre Spaß und entspricht einem Tenor, der aller Orten am wabern ist: »hätte die USA keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak geführt und würde sie nicht dauernd Weltpolizei spielen, dann gäb's auch keinen Terrorismus...«. Dabei ist Antisemitismus auf die leibhaftige Existenz von Juden doch nicht angewiesen, denn was ekelhafte Rotterdammer können, das schaffen cottbusser Zonis schon lange. Äußerst frech oder zumindest grob fahrlässig setzen sich die Wiki-Autoren beim Anstellen ihrer Vermutungen obendrein über die wahren Begebenheiten hinweg: Die sind nämlich unangenehm und lauten wie folgt:

»Seit Jahren schwenken Fans von Ajax Amsterdam die Flagge Israels - als Reaktion [sic!] auf judenfeindliche Sprechgesänge von Rotterdamer Fans.«

Ach, was soll's, nehmen wir's heute lieber mal nicht so genau, wir sind schließlich auch nur bei Wikipedia. Und die, die dort Schrott schreiben und von Antisemitismus nichts verstehen, sondern ihn einfach ausleben, wissen auch, dass die Fußball-Prominenz genauso tickt; so begründen Uri Coronel - Ehrenmitglied von Ajax - und andere Verantwortliche des Vereins ihre Aufforderung der Fans, von ihrer jüdischen Identität abzukehren, wie folgt:

»Man erhofft sich, wenn die Ajax-Fans von den Judenrufen abließen, man somit auch gegen die antisemitischen Äußerungen der gegnerischen Fans vorgehen könne.«

Na dann, gute Nacht.

Sunday, July 16, 2006

Was wir vom Kommunismus erwarten (2): «Der Weg des Wassers»


Das Problem ist hinlänglich unter allen bekannt, die schon einmal Wasser aus dem Hahn zapfen mußten: Zur Zubereitung eines leckeren Yumyum-Fertiggerichts muß eine beträchtliche Weile Wasser laufen, bis die Temperatur dem am Hahn frecherweise angebrachten roten Punkt wenigstens halbwegs entspricht; selbst dann dauert es noch eine ganze Weile, bis der Wasserkocher oder die Herdplatte die H20-Verbindung zur gebrauchsfähigen Substanz mutieren lassen. Will man anschließend lediglich das kühle Naß in seiner reinen Form vermittels eines Glases genießen, braucht es ebenfalls geraume Zeit, bis kaltes Eau minérale dem Gaumen schmeichelt – dieser kann’s gar nicht kalt genug kriegen, ein Wunsch, den der Wasserhahn ebenfalls nicht zu erfüllen vermag.

Aus dem alten Blondinenwitz – «heißes Wasser frier' ich ein, das kann man immer brauchen» – hat noch niemand eine Tugend gemacht, außer die findigen Japaner vielleicht, aber auf die kommen wir gleich noch zu sprechen. Das mindeste, was von urbaner Wasserversorgung im 21. Jahrhundert zu erwarten ist, wäre doch eine solche, die ihren Namen auch verdient. Jedoch, Hähne, die ihr uns mit Wasser von 3 bis 100 Grad Celsius erfreuet – wo seid ihr? Wenn der Kommunismus nicht wenigstens diese Annehmlichkeit mit sich bringt, kann er uns getrost gestohlen bleiben.

Das gleiche gilt für japanische Luxuswasserklosetts mit integriertem Bidet, Anusmassage und Entspannungsmusik, harmonisch eingefügt in sanitäre Einrichtungen, die für beiderseitigen Schallschutz für BenutzerInnen und sonstige im Wohnbereich Anwesende sorgen. Zumindest hier ist Nippon die Speerspitze der internationalen kommunistischen Bewegung – kein Vergleich mit der gemeinen europäischen Toilette, und auch dem US-amerikanischen Modell «Tsunami», das beim Spülen dank immensen Wasserverbrauchs immerhin ein eindrucksvolles Schauspiel bietet, ist die japanische Ausführung haushoch überlegen. An dieser Stelle sei auch an deutsche Vorkriegsmodelle Marke «Kontrollplateau» gemahnt – von den Franzosen, die sich gar trauen, ein simples, mit beiderseitigen Griffen versehenes Loch im Boden als Toilette zu bezeichnen, ganz zu schweigen. All diese unzulänglichen «Lösungen» können uns gestohlen bleiben. Luxus für alle, und zwar sofort – Kommunismus ohne aufs Sanfteste gesäuberte Derrières – no way!

Saturday, July 15, 2006

Babyschritte zum Rassismus

In «Was ist mit Bob?» von Frank Oz spielt Bill Murray den titelgebenden neurotischen Großstadtbewohner, den allein die Aussicht auf die nächste Sitzung mit seinem Therapeuten – Richard Dreyfuss – über den Tag rettet. Jedoch, auch Psychologen brauchen Urlaub, und so kann Bob sich lediglich an das neue Buch seines Trostspenders klammern: «Babyschritte». Diese zeichnen fortan sein Verhalten – Babyschritte bis zur Tür, Babyschritte durch den Flur, Babyschritte an der Sekretärin vorbei.

So ähnlich wie Bob, der mit Babyschritten die Welt durchschreitet, kann man sich auch den deutschen Fußballfan in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft vorstellen, der einen Fuß vor den anderen setzt und austestet, wie weit er gehen kann in der kleinen Welt, die ihn umgibt. Da diese zum Großteil von Deutschen dominiert ist, hat der Fan bald eine beträchtliche Strecke von seinem Ausgangspunkt «positiver Patriotismus» zurückgelegt. Hinlänglich bekannt ist die direkt hinter der Startgeraden liegende Marke «Fahnenschwenken», vom Schlipsiltis eindrucksvoll protokolliert sind die weiteren Streckenposten «Pöbeln», «Beschimpfen» und «Singen verbotener Nationalhymnenstrophen».

«Sachbeschädigung» ist in diesem Rahmen keineswegs ein überraschender Gefühlsausbruch einiger weniger Einzelgänger, sondern der logische nächste Babyschritt in Richtung der Zielgeraden, die der Großteil der Marathonläufer bewußt gar nicht vor Augen zu haben scheint. «Zehn Minuten nach dem Sieg der Italiener über die deutsche Mannschaft», so der Besitzer der Marburger Pizzeria «Tony», wurde die Scheibe seines Geschäfts eingetreten. Ihm und einigen seiner Freunde war es unmöglich, den Ort des Geschehens mit dem Auto zu verlassen – deutsche «Fans» verhinderten durch das Bewerfen des Autos mit Flaschen die Fahrt. Eine Bekannte, so Tony weiter, sitzt auf 5000 Euro Sachschaden, der in derselben Nacht an ihrem mit einer italienischen Fahne geschmückten Auto entstanden ist. Welche Wegmarken die Millionen deutscher Fußballfans auf ihrem Langen Marsch zum offen ausgelebten Rassismus noch erreicht hätten, wenn die Weltmeisterschaft nur noch ein wenig länger gedauert hätte, wenn die deutsche Mannschaft ins Finale gelangt wäre, mag man sich nicht ausmalen.

Durch ganz Deutschland schallte während dieser WM der Ruf vom positiven, vom gesunden, vom guten Patriotismus, der das Land der Täter und seine Bewohner endlich wieder ins rechte Licht rücken durfte. Mit einem Arsenal an Flaggen und Fähnchen, die wohl zukünftig ihren Platz im Keller eines jeden anständigen Deutschen neben Oster- und Weihnachtskiste finden werden, wurde Mut gemacht und, nach der glücklicherweise erfolgten Niederlage, Trost gespendet. Feuilletonisten prognostizieren nun versöhnlich, daß auch Pizza und Spaghetti uns sicher irgendwann einmal wieder schmecken werden, und implizieren damit den Boykott, der mit der gezielten Zerstörung von Läden, deren Besitzerinnen und Besitzern eine Affinität zu Italien innewohnt, zwangsläufig einhergeht. «Kauft nicht beim Itaker», denkt und schallt es durch Deutschland – «zumindest für die nächsten Monate», fügt das Feuilleton wohlwollend hinzu. Tonys erschöpftem «Jetzt ist es zum Glück vorbei» kann man sich da nur anschließen.

Wednesday, July 05, 2006

Ohne Deutschland fährt man nach Berlin..

Und aus die Maus! :o)

Obschon mir gesteigerte Sympathie für ein wie auch immer geartetes italienisches Nationalbewusstsein fremd war und ist, sah ich mich am gestrigen Abend gezwungen, die squadra azura im Spiel gegen »Neudeutschland« bedingungslos zu unterstützen. Grund hierfür war nicht nur der Gedanke an das geringere Übel, sondern auch die mich spontan ergreifende Lust an einer kleinen Feldforschung. Für den Fall einer Niederlage »unsrer deutschen Jungs« interessierte mich einfach, in welchen Gemütszustand die nunmehr ritualisierte »gefühlige« (und übrigens über alle Maßen nervtötende!) Masseneuphorie mit stets agressiven Zügen (vgl. nur die Schilderungen auf nichtidentisches) umschlagen, und wie sich ebenjener artikulieren sollte. Das Erwartete zeigte sich in aller Deutlichkeit:


Keine drei Minuten stand man vor der Lieblings-Pizzeria »Il Pino«, da nahten die ersten enttäuschten Volksdeutschen - oh Wunder -,
»Il Pino du wirst brennen! Il Pino du wirst brennen!« skandierend. Den treffenden Hinweis einiger Fußball-Uninteressierter auf den rassistischen Impetus solcher Äußerungen wussten die ganz im neuen »Wir-Gefühl« Aufgehenden sodann mit dem altbewehrten Mittelfinger und allerlei unverständlichen Beleidigungen zu quittieren.

Im direkten Gefolge jener apokalyptischen Vorhut traten zwei muskelbepackte Ganzkörper-Tätowierte auf den Plan, die für einen vorbeifahrenden Pizza-Lieferanten nichts Anderes übrig hatten, als die markigen Worte:
»Komm mal her, ich schlag' dir deine scheiß Fresse ein! Ich fick' deiner Mutter in den Arsch, du dreckiger Hurensohn!« - Naja, wie's halt als ma so läuft; da muss man sicher auch Verständnis für haben, schließlich hatten die Jungs schon ein paar »Schoppen« intus, und außerdem haben die Italiener ja wieder mal ganz schön nickelig gespielt - Zeit schinden und simulieren, das können'se!

All' dem noch nicht genug; der Ein oder Andere nahm obendrein - auch wenn die handzahme Freundin ihren ebenso hohlen Kopf beschämt gen Boden wandte - eine kleine Gruppe von Italien-Sympathisanten zum Anlass, unverblümt einzustimmen:
»Deutschland Deutschland über alles...«. Ach, was soll's!? Halb so wild, schließlich war das bis vor 25 Jahren doch auch noch erlaubt..

Wie man sich vielleicht denken kann, war mir an dem Punkt dann schon recht übel - ich hatte genug gesehen.
»Die Welt zu Gast bei Freunden«, das heißt offenbar, dass man sich hier nicht allzuviel erlauben sollte. Weder sollte man auf die Idee kommen, die neudeutsche Euphorie dezidiert nicht zu teilen, noch sollte man gegen Deutschland gewinnen - ansonsten wird aufgedreht! Es geht ganz offenkundig um mehr als um den Fußball; es geht um eine »deutsche Revolution« (zit. nach der Startseite von freenet.de) im Sinne einer »Wiederherstellung deutscher Normalität«. Wir wissen, dass diese deutsche Normalität eine antisemitische ist (vgl. Henryk M. Broder, Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Berlin 2005, S. 161).

Daher: Ob nun Portugal, Frankreich oder Italien gewinnt ist doch scheißegal, schließlich ist's nur schnöder Fußball, und schließlich sind die Deutschen endlich raus!