Tuesday, May 16, 2006

Wenn Nachtwanderungen politisch werden..

Es liegt freudig-fiebrige Erregung in der Luft: Ob nun spontan ein Spießroutenlauf durch die Marburger Innenstadt inszeniert, die örtliche Bundesstraße blockiert oder Hand in Hand der Tagungsort des Büttels umringt wird – die dem emsigem Gewusel erwachsende Stimmung könnte genauso gut die erste Nachtwanderung mit neuen Klassenkameraden begleiten. Soll vielleicht am Hinterausgang noch ein Trommler postiert werden? Steht dort oben auf der Brücke etwa ein »Bulle in Zivil«?! Die Nerven vibrieren: Schnell die Sonnenbrillen auf, Kapuzen oder Terrorwickel (»Nazilappen«) überstreifen und die rote Karte vorzeigen! Nicht dass uns der Klassenfeind noch durch die »Lappen« geht!


Jene Emotionalität ließe sich nicht beanstanden, genügte sie nur sich selbst oder wäre mit einem berechtigten Anliegen verbunden. Doch es scheint um mehr zu gehen. Der ernsthafte Wille zur Abwehr drohender Studiengebühren endet dort, wo von »Vernetzung des [apriorischen] Protestes an Neoliberalismus und Globalisierung« die Rede ist und gleichsam der »epistemische Humus aller Verschwörungstheorie« (Dan Diner) verkasematuckelt wird. Eine Ministerin will von der diskursunwilligen pfeifenden, rasselnden und grölenden Masse einfach nicht gehört sondern lieber beschimpft werden, von jener Masse, die sich an der Uni Leipzig andächtig lauschend und ganz im Sinne des »demokratisch aufgeklärten Common Sense« von Ted Honderich erklären lässt, warum Judenmörder ein legitimes Recht ausüben. Hier endet also die normative Universalität des studentisch-diskursiven Weltgeistes – dort wo alte neue linke Methoden und Ideen dem berechtigten Vollversammlungs-Appell der GEW, »mit aller rednerischen Überzeugungskraft auf den Bild-Zeitungsleser einzuwirken«, den Rang ablaufen.