Tuesday, December 26, 2006

Prekarisierung und andere Nützlichkeiten

Der Begriff des "Prekariats" ist in den letzten Jahren in deutschen, und insbesondere dort in sich 'links' verorteten Grüppchen und Personenverbänden- und organisationen, zum Kampfbegriff für mehr soziale Nestwärme geworden. Kaum ein linksdeutsches Schmierenblättchen kommt dabei um die scheinbare Dramatisierung der "Amerikanisierung" (taz) deutscher Verhältnisse umhin. Dass dies eine contradictio in adjecto darstellt, interessiert dabei die Wenigsten: Deutsch ist bekanntlich das, wo US-Amerikanisches nie sein darf. "Menschen werden atomisiert", schreibt ein Krisis-Linker im Zuge seiner Definition des Prekariats: Menschen werden also dehydriert, zu Staub zermalen, um dann mit Plutonium angereichert, wieder die Bühne des Lebens zu betreten. Deutlich wird bereits an dieser Stelle, worum es diesen Menschen gehen soll: um die soziale Kälte. Atomisierung, Vereinzelung heißt konkret: jeder ist für sich und nur für sich verantwortlich: hire and fire! Und das ist es, was die Deutschen (und die Linken: oder beides) so sehr stört, nämlich die Gefährdung des Kollektiv durch die Destruktion dessen von innen heraus. Naiv wäre, an dieser Stelle nicht die Affinität zum Antiamerikanismus und dessen Nähe zum Antisemitismus zu sehen: es wird gefürchtet, durch die Prekarisierung, durch die Zersprengung traditoneller Berufsstrukturen, den deutschen Kollektivgeist zu vertreiben: natürlich ist dies nicht dem "automatischen Subjekt" namens Kapital selbst geschuldet, sondern in deutscher Manier muss hier von der Amerikanisierung gesprochen werden. Die Deutschen unterliegen dem amerikanischen Geist, er umnebelt sie, zwingt sie in prekäre Jobs und schneller als die Deutschen sich umschauen, sind sie dann selbst zu Heuschrecken geworden und hüpfen von einem Job in den nächsten. Der "homo precarius" (taz) befindet sich also in einer schlimmen Lage: erst wird er durch den judäo-amerikanischen Bazillus befallen, der ihn sich seiner Nestwärme berauben lässt und dann soll er auch noch zu allem Überfluss eine Tugend an den Tag legen, die dem Deutschen ganz und gar nicht schmeckt: bei alldem auch noch freundlich sein!

Leider sehen auch hier wieder Wahn und Wirklichkeit ein wenig anders aus: die proletarischen Deutschen werden zwar zu mehr Arbeit mit weniger Geld gezwungen, auf amerikanische Verhältnisse wird man hierzulande leider leider vergeblich warten können, denn deutsche Produzenten und Konsumenten haben aufgrund ihres teutonischen Habitusses eine quasi natürliche Abwehrinstanz, sie müssen sich tendenziell und offen antikonsumistisch zu verhalten. Wer kennt sie nicht, diese nahezu ins Groteske fallenden Szenen in deutschen Supermärkten, wo die Bedienung noch König ist und man als Kunde und Konsument zur Devotation gezwungen wird, sich anzubiedern, um nach einem strapaziösen Tag 6 Minuten vor Ladenschluss noch ne Tafel Schokolade bekommen zu können. Oder in einer deutschen McDonald`s-Filiale (sic!) den Zorn der Verkäuferin bereits dadurch auf sich zieht, indem man gar eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch einen Burger bestellt, der im Interesse der dort Arbeitenden nicht mehr hergestellt werden soll. Die Prekarisierung verändert schleichend diesen Zustand, ganz besiegen wird sie ihn nicht: längere Öffnungs- und Arbeitszeiten und der Kampf um Arbeitsplätze zwingt die Deutschen bereits dazu, sich mehr anzubiedern auf dem Markte, doch was der Markt an Aggression schürt, wird dem Kunden zurück geschleudert...daher nutzt leider in Deutschland die Prekarisierung noch nicht viel, wenn man aus Konsumentenperspektive sich nahezu genötigt sieht, weniger zu konsumieren, um der nervigen Konfrontation mit nem Verkäufer aus dem Weg zu gehen. In Deutschland ist die Totalität der Unfreundlichkeit so fundamental, dass zur Prekarisierung noch die Einflusszunahme us-amerikanischer Unternehmen treten muss, die neben der Arbeitszeit auch die Arbeitsweise als Kriterium ins Auge fassen, damit auch dem letzten Deutschen irgendwann der antikonsumistische Rebell ausgetrieben wird!

Sunday, December 10, 2006

De Culina Adversa (I): Warum die "Ahle Worscht" das Essen der Regression ist

Bei selbsternannten Kulturbewahrern jeglicher Couleur ist es Mode geworden, "regionale Gerichte" über ihre die geschmackliche Diversifikation erhöhende Funktion hinaus in einen fast heiligen Zustand zu erheben. Dabei geht es ihnen nicht um den individuellen Charakter, die spezielle Note, gar den Geschmack eines Produktes, die oft genug aus besonderen Gegebenheiten einer Gegend hervorgehen, nein, es handelt sich ihnen darum, die "verwurzelte, bäuerliche Tradition" gegen die nur rational zu kritisierenden Entwicklungen der modernen Nahrungsmittelproduktion in Stellung zu bringen und natürlich, wie könnte es anders sein, die "regional handwerklichen" Herstellungsverfahren als Geschütze im Kampf gegen die "amerikanische" Esskultur aufzufahren, der solche Entwicklungen wahnhaft zugeschrieben werden.

Eine Kritik dieser Bewegung, die in Frankreich zur Staatsraison wurde - man denke nur an die sich auch in deutschen Ökoküchen großer Beliebtheit erfreuenden Karten, auf denen mit Unterstützung vielfältiger zentralistischer Pariser Ministerien die typischen Käsesorten fein säuberlich nach departement und Landstrich verzeichnet sind - muss sich deshalb weniger auf die durchaus zu verteidigende und den Genuss steigernde kulinarische Vielfalt kaprizieren, sondern einen Impetus kritisieren, der noch jedes Gericht begrüßt, das ihm nur den Mythos des "Ursprünglichen" widerspiegelt. Wo in Frankreich durchaus parallel die Überlegenheit eines burgundischen "boulon de culotte" behauptet und Gänseleber, Austern und niedertemperaturgegarter Rinderbraten aufgetischt werden können, bleibt in der deutschen Übersetzung dieser Bewegung nur der Bezug auf die widerliche regionale Tradition übrig. Gute Küche heißt hier nicht, sich aller feinen Unterschiede zu bedienen, sondern ganz im Gegenteil: Der höchste kulinarische Luxus wäre, ganz ohne Supermarkt und Kühlschrank von Sauerkraut und Einlegegurken zu leben.

Ein fast perfektes Beispiel für ein solches regionales Produkt und seine Verteidiger ist die "Ahle Worscht". Diese grob-fade Trockenwurst, die ihre arm-bäuerliche Herkunft nicht verbergen kann, beschreibt schon im kakophonischen Klang des lokal gebräuchlichen Namens "Ahle Stracke" onomatopoetisch das Erleben Verzehr einer solchen. Dieses Gericht, das selbst im 17. Jahrhundert noch den ungeliebten Rest nach Verzehr alles besseren Fleisches bildete, ist ebenso unerträglich wie Nordhessen, woher es stammt; eine Gegend, die sich außer durch ihre bemerkenswert aufklärungs- und reeducation-resistente Bevölkerung, welche sich vor allem mit dem Besuch von Schützenfesten und Saufgelagen in den durchweg grau-eichendunklen Tälern rund um den Edersee in nichts außer ihrer Scheußlichkeit auszeichnet.

Sprießen hier doch allerorten "Spezialitätenmetzgereien" aus dem Boden, deren Hauptabsatzprodukt und ganzer Stolz die "Ahle" ist. Dort ist auch der Sitz des "Fördervereins Nordhessische Ahle Worscht e.V.", dessen schiere Existenz den Betrachter erst erheitern, dann erschüttern wird. In Zusammenarbeit mit den moralischen Gesellschaftskritikern von "Slow Food", deren bezeichnenderweise "Manifest" genannte Selbstdarstellung jedem vernünftigen Menschen ob ihres regressiven Natürlichkeitskults Schauer über den Rücken jagen wird, engagieren sie sich, tatkräftig unterstützt von der Traditionsbewahrerin EU, für ihre geliebte Wurst:

"Wozu ein Förderverein für Nordhessische Ahle Wurscht? Ahle Wurscht, früher ein reines Selbstversorgerprodukt, ist ein gewerbliches Produkt geworden. Damit einher ging bei vielen Herstellern eine Abkehr von der traditionellen Form der Herstellung."

Hausschlachtung gegen Kapitalismus, so das Credo der nordhessischen Wurst-aficionados. Doch keine großen Ziele hat der Förderverein im Blick: Zunächst geht es - und hier wird konsequent die Grenze zur Satire überschritten - um folgendes:

"Im Kern geht es dabei um die Verwendung zu leichter Schweine, eine Teilstückauslese, die Verwendung von Nitritpökelsalz, Fertigwürzmischungen und Starterkulturen sowie weitere Maßnahmen zur vorzeitigen Trocknung der Wurst."

Titanic, übernehmen sie!

Sunday, October 29, 2006

Zählen Sie alle Bio!

War es der mittelhessischen Studentin mit etwas Restgrips im Schädel, für die «Jute statt Plastik» weniger ist als eine Erinnerung, schon seit jeher tendenziell peinlich, mit einer ökobraunen, walldorfgewissensverträglichen Tüte des verbrauchernahen mitteloberhinterhessischen Detailhändlers Tegut an der Hand nach dem Einkauf durch die Innenstadt nachhause zu eilen, wird dieses Unterfangen seit dem freudig gefeierten Bio-Jubiläum noch um einiges erschwert: «25 Jahre Bio Erfahrung» prangt nun in falschem Deutsch auf der Tüte – «Gutes in besten Händen», so hängt es an der Hand der Tütenträgerin. Alles, was gut, fair, öko, bio und irgendwie autochthon-exotisch gelablet ist, hat gute Chancen, im Prospekt des gerüchteweise zum Erzbistum Fulda gehörenden Lebensmittelladens großflächig beworben zu werden.

Hat dieser schon seit längerem die «Magische Kohlsuppe» im Programm, empfehlen die «Guten Nachrichten» nun mit der am morgigen Montag startenden Woche eine neue Dimension des Schwachsinns. Rudolf Steiner ginge das Herz auf bei der Bewerbung «Deutsche[r] Bio-Mondäpfel». Wer zunächst an eine Mondlandungslüge ganz neuen Ausmaßes denkt und sich berechtigt fragt, ob auf dem Mond bereits deutsche Parzellen zugeteilt wurden, liegt falsch: Das Obst wird nicht mit Druckanzug und Sauerstofflasche auf dem erdnahen Trabanten geerntet, sondern «mit Lagerfeuer, Apfelpunsch und erdigen Samba-Rhythmen» im niedersächsischen Hollern. Wenn auch nur Handelsklasse II, verspricht dieses Kernobst dem Tegutschen «Salutogenese-Tipp» zufolge einen Vorteil, der den höheren Kilopreis von 2,99 Euro bei weitem wettmacht: «Bei Vollmond geerntete Bio-Äpfel sollen [sic!] in ihrem Nährstoffgehalt noch konzentrierter sein. Die Früchte bleiben länger frisch, sind schmackhafter und saftiger.» Wem dieses schlagende Argument noch nicht genügt, kann auf der Website der Mondbauern weiterlesen, um den endgültigen Beweis zu erhalten: «Das jedenfalls haben zahlreiche ‹Apfeltester› unabhängig voneinander bestätigt.» Und es geht noch weiter. «Doch auch für den Obstbauern ist dies ein besonderes Ereignis. ‹Wir ernten in dieser Nacht viel bewusster. Jeder Apfel bekommt mehr Liebe und Zuwendung. Der Mondapfel erinnert uns daran, dass die Ernte ein Geschenk der Natur ist›[...]» Und die Natur kriegt, wie man weiß, niemals genug, weshalb ihr ein paar läppische Sonnenwendfeiern mit Fackelmarsch und Bücherverbrennung in Zeiten gesteigerter amerikanischer Umweltverschmutzung und Raucherdschihad einfach nicht mehr genügen. So werden auf der mondbäuerlichen Website gleich noch 16 weitere Betriebe gelistet, die «im Mondschein Äpfel geerntet» haben.

Ein Blick in die Zukunft läßt auf weitere Novitäten im Tegut-Sortiment hoffen. Vollmondtampons zur chakrengerechten Regelblutung, Rindswurst vom Mondkalb, Sternzeichenstreichwurst mit Aszendent in Aspik und Bio-Piemondkirschen mit Erich-von-Däniken-Gütesiegel helfen dem biobewußten Einkäufer, sein Karma im Zaum zu halten.

Der wesentliche Aspekt, der den sinnvollen Ansatz des umweltverträglichen und fairen Produzierens überdeckt, muß gar nicht mehr aufgezeigt werden – der Tegut-Konzern entlarvt ihn selbst als Verkaufsmasche. Unter der Überschrift «Fair feels good» liest man alles, was man wissen muß, nämlich faktisch nichts, die Überschrift allein klärt auf: Um das reine Gewissen, das gute Gefühl geht es; wer fair und bio kauft, hat bei der Beichte im Fuldaer Dom einen Spiegelstrich weniger abzuarbeiten. Ähnlich simpel gestrickt erscheint die Werbung, die auf Sky Radio der Radiohörerin tagtäglich auf den Nerven herumtrampelt: Während Vati den Durchschnittskunden mimt und den geschmacklichen Unterschied von Bio- zu «normalem» Gemüse trotzig verneint, antwortet seine Tochter keck, daß man das ja aber wohl doch schmeckt. So einfach ist das.

Thursday, September 14, 2006

Pilzpfanne und jüngere Bauernsöhne

Dass sich in Deutschland nicht viel ändert, mag der ein oder andere vergessen, wenn er des wochenends eine gar heitere Tour am Rothaarsteig unternimmt – schließlich hält der »Weg der Sinne« für seine Begeher einiges bereit: von tollen Aussichten über bisweilen frisches Quellwasser und urige Feuerstellen bishin zu Unmengen an tellergroßen Steinpilzen, die einem Staunen bereiten. Allerdings weiß das Dillenburger Umland auch Grobzeug aufzufahren:

Da genießt man nach endloser Herumstapferei einen schalen Kaffee nebst Selbstgedrehter im äußerst ursprünglich und authentisch daherkommenden »Lahnhof«, schon rollt ein vom Trekker gezogener und mit zwei Deutschland-, einer Südstaaten- und einer Piratenflagge versehener Bollerwagen ein, bestückt mit etwa 20 feiernden Bauernsöhnen. Nachdem man den schwer überhörbaren Beiklängen ihres deftigen »Rittermahls«, das es erlaubt, Ge- bzw. Abgegessenes an die Wand zu klatschen (und in der Konsequenz dazu animieren will oder es unfreiwillig tut, etwa auch das Geschirr zu zertrümmern, die Bedienung zu vergewaltigen und/ oder die Fremden zusammenzuschlagen), lauschen musste, begegnet man dem Pack dann auch gern ein zweites Mal – mitten im Wald – beim Errichten des Nachlagers. Diesmal tönt einem nicht bloßer Quatsch entgegen, sondern es werden klarere Töne angestimmt: »Deutschland den Deutschen! Deutschland den Deutschen! – Wir fahr’n nach Buchenwald! Wir fahr’n nach Buchenwald!«. Auch diverse drohende Ereiferungen über den Umstand, dass wir Wandersleut’ die Nacht uns inmitten eines Naturschutzgebietes um die Ohren zu schlagen gedachten, sollten nicht ausbleiben.

Auf Menschen ebenjenes Schlags bezog sich wohl Theodor W. Adorno, »Erziehung nach Auschwitz«, in: ders., Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker, Frankfurt a. M. 1971, S. 93 f., als er festhielt:

»[...] die Quälgeister des Konzentrationslagers [...] seien zum größten Teil jüngere Bauernsöhne gewesen. Die noch immer fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt und Land ist eine, wenn auch gewiß nicht die einzige und wichtigste, der Bedingungen des Grauens. [...] Ich registriere dabei nur, daß wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonst wo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenseins nicht allzuviel geändert. Mir erscheint es wichtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verlorenzugehen drohen, anzupreisen. [...]«

Wednesday, July 26, 2006

Ekelhaftigkeiten bei Wikipedia und Ajax

Achja, die Welt ist ein Puzzle. Dran Rumbasteln macht schon Laune - offenbar auch den großen, unbekannten Autoren von Wikipedia.

Als ich vorgestern zum ersten mal erfuhr (Schande über mein Fußball-uninteressiertes Haupt!), dass die Fans des niederländischen Erstligisten Ajax Amsterdam regelmäßig eine überdimensionierte Israel-Flagge über ihrem Fanblock ausbreiten, empfand ich spontane Sympathie für diese vernünftige Aktion, zumal ich mir dachte, »Vernünftiges«, dazu noch im weitesten Sinne »politisch Vernünftiges«, das kann man von grölenden Massen normalerweise nicht erwarten. Zu diesem Gefühl mischte sich noch ein wenig Neugier - schon war ich das alles am nach-wikipediaen (find' ich besser als nach-googlen [-googeln?]). Und zack, war die gute Laune vorüber, denn unter der Rubrik »jüdische Symbolik« des wikipedia-customized and -handmade Ajax-Artikels gibts dann schnell mal folgenden Quatsch zu lesen:

»Das offene Bekenntnis zum Judentum ruft bei gegnerischen Fans jedoch zunehmend antisemitische Reaktionen hervor.«

Aha! So ist das also! Die Ajax-Fans schwenken eine Flagge, und schon gibt es Antisemitismus. Der Gedankengang ist einfach, macht irre Spaß und entspricht einem Tenor, der aller Orten am wabern ist: »hätte die USA keinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak geführt und würde sie nicht dauernd Weltpolizei spielen, dann gäb's auch keinen Terrorismus...«. Dabei ist Antisemitismus auf die leibhaftige Existenz von Juden doch nicht angewiesen, denn was ekelhafte Rotterdammer können, das schaffen cottbusser Zonis schon lange. Äußerst frech oder zumindest grob fahrlässig setzen sich die Wiki-Autoren beim Anstellen ihrer Vermutungen obendrein über die wahren Begebenheiten hinweg: Die sind nämlich unangenehm und lauten wie folgt:

»Seit Jahren schwenken Fans von Ajax Amsterdam die Flagge Israels - als Reaktion [sic!] auf judenfeindliche Sprechgesänge von Rotterdamer Fans.«

Ach, was soll's, nehmen wir's heute lieber mal nicht so genau, wir sind schließlich auch nur bei Wikipedia. Und die, die dort Schrott schreiben und von Antisemitismus nichts verstehen, sondern ihn einfach ausleben, wissen auch, dass die Fußball-Prominenz genauso tickt; so begründen Uri Coronel - Ehrenmitglied von Ajax - und andere Verantwortliche des Vereins ihre Aufforderung der Fans, von ihrer jüdischen Identität abzukehren, wie folgt:

»Man erhofft sich, wenn die Ajax-Fans von den Judenrufen abließen, man somit auch gegen die antisemitischen Äußerungen der gegnerischen Fans vorgehen könne.«

Na dann, gute Nacht.

Sunday, July 16, 2006

Was wir vom Kommunismus erwarten (2): «Der Weg des Wassers»


Das Problem ist hinlänglich unter allen bekannt, die schon einmal Wasser aus dem Hahn zapfen mußten: Zur Zubereitung eines leckeren Yumyum-Fertiggerichts muß eine beträchtliche Weile Wasser laufen, bis die Temperatur dem am Hahn frecherweise angebrachten roten Punkt wenigstens halbwegs entspricht; selbst dann dauert es noch eine ganze Weile, bis der Wasserkocher oder die Herdplatte die H20-Verbindung zur gebrauchsfähigen Substanz mutieren lassen. Will man anschließend lediglich das kühle Naß in seiner reinen Form vermittels eines Glases genießen, braucht es ebenfalls geraume Zeit, bis kaltes Eau minérale dem Gaumen schmeichelt – dieser kann’s gar nicht kalt genug kriegen, ein Wunsch, den der Wasserhahn ebenfalls nicht zu erfüllen vermag.

Aus dem alten Blondinenwitz – «heißes Wasser frier' ich ein, das kann man immer brauchen» – hat noch niemand eine Tugend gemacht, außer die findigen Japaner vielleicht, aber auf die kommen wir gleich noch zu sprechen. Das mindeste, was von urbaner Wasserversorgung im 21. Jahrhundert zu erwarten ist, wäre doch eine solche, die ihren Namen auch verdient. Jedoch, Hähne, die ihr uns mit Wasser von 3 bis 100 Grad Celsius erfreuet – wo seid ihr? Wenn der Kommunismus nicht wenigstens diese Annehmlichkeit mit sich bringt, kann er uns getrost gestohlen bleiben.

Das gleiche gilt für japanische Luxuswasserklosetts mit integriertem Bidet, Anusmassage und Entspannungsmusik, harmonisch eingefügt in sanitäre Einrichtungen, die für beiderseitigen Schallschutz für BenutzerInnen und sonstige im Wohnbereich Anwesende sorgen. Zumindest hier ist Nippon die Speerspitze der internationalen kommunistischen Bewegung – kein Vergleich mit der gemeinen europäischen Toilette, und auch dem US-amerikanischen Modell «Tsunami», das beim Spülen dank immensen Wasserverbrauchs immerhin ein eindrucksvolles Schauspiel bietet, ist die japanische Ausführung haushoch überlegen. An dieser Stelle sei auch an deutsche Vorkriegsmodelle Marke «Kontrollplateau» gemahnt – von den Franzosen, die sich gar trauen, ein simples, mit beiderseitigen Griffen versehenes Loch im Boden als Toilette zu bezeichnen, ganz zu schweigen. All diese unzulänglichen «Lösungen» können uns gestohlen bleiben. Luxus für alle, und zwar sofort – Kommunismus ohne aufs Sanfteste gesäuberte Derrières – no way!

Saturday, July 15, 2006

Babyschritte zum Rassismus

In «Was ist mit Bob?» von Frank Oz spielt Bill Murray den titelgebenden neurotischen Großstadtbewohner, den allein die Aussicht auf die nächste Sitzung mit seinem Therapeuten – Richard Dreyfuss – über den Tag rettet. Jedoch, auch Psychologen brauchen Urlaub, und so kann Bob sich lediglich an das neue Buch seines Trostspenders klammern: «Babyschritte». Diese zeichnen fortan sein Verhalten – Babyschritte bis zur Tür, Babyschritte durch den Flur, Babyschritte an der Sekretärin vorbei.

So ähnlich wie Bob, der mit Babyschritten die Welt durchschreitet, kann man sich auch den deutschen Fußballfan in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft vorstellen, der einen Fuß vor den anderen setzt und austestet, wie weit er gehen kann in der kleinen Welt, die ihn umgibt. Da diese zum Großteil von Deutschen dominiert ist, hat der Fan bald eine beträchtliche Strecke von seinem Ausgangspunkt «positiver Patriotismus» zurückgelegt. Hinlänglich bekannt ist die direkt hinter der Startgeraden liegende Marke «Fahnenschwenken», vom Schlipsiltis eindrucksvoll protokolliert sind die weiteren Streckenposten «Pöbeln», «Beschimpfen» und «Singen verbotener Nationalhymnenstrophen».

«Sachbeschädigung» ist in diesem Rahmen keineswegs ein überraschender Gefühlsausbruch einiger weniger Einzelgänger, sondern der logische nächste Babyschritt in Richtung der Zielgeraden, die der Großteil der Marathonläufer bewußt gar nicht vor Augen zu haben scheint. «Zehn Minuten nach dem Sieg der Italiener über die deutsche Mannschaft», so der Besitzer der Marburger Pizzeria «Tony», wurde die Scheibe seines Geschäfts eingetreten. Ihm und einigen seiner Freunde war es unmöglich, den Ort des Geschehens mit dem Auto zu verlassen – deutsche «Fans» verhinderten durch das Bewerfen des Autos mit Flaschen die Fahrt. Eine Bekannte, so Tony weiter, sitzt auf 5000 Euro Sachschaden, der in derselben Nacht an ihrem mit einer italienischen Fahne geschmückten Auto entstanden ist. Welche Wegmarken die Millionen deutscher Fußballfans auf ihrem Langen Marsch zum offen ausgelebten Rassismus noch erreicht hätten, wenn die Weltmeisterschaft nur noch ein wenig länger gedauert hätte, wenn die deutsche Mannschaft ins Finale gelangt wäre, mag man sich nicht ausmalen.

Durch ganz Deutschland schallte während dieser WM der Ruf vom positiven, vom gesunden, vom guten Patriotismus, der das Land der Täter und seine Bewohner endlich wieder ins rechte Licht rücken durfte. Mit einem Arsenal an Flaggen und Fähnchen, die wohl zukünftig ihren Platz im Keller eines jeden anständigen Deutschen neben Oster- und Weihnachtskiste finden werden, wurde Mut gemacht und, nach der glücklicherweise erfolgten Niederlage, Trost gespendet. Feuilletonisten prognostizieren nun versöhnlich, daß auch Pizza und Spaghetti uns sicher irgendwann einmal wieder schmecken werden, und implizieren damit den Boykott, der mit der gezielten Zerstörung von Läden, deren Besitzerinnen und Besitzern eine Affinität zu Italien innewohnt, zwangsläufig einhergeht. «Kauft nicht beim Itaker», denkt und schallt es durch Deutschland – «zumindest für die nächsten Monate», fügt das Feuilleton wohlwollend hinzu. Tonys erschöpftem «Jetzt ist es zum Glück vorbei» kann man sich da nur anschließen.

Wednesday, July 05, 2006

Ohne Deutschland fährt man nach Berlin..

Und aus die Maus! :o)

Obschon mir gesteigerte Sympathie für ein wie auch immer geartetes italienisches Nationalbewusstsein fremd war und ist, sah ich mich am gestrigen Abend gezwungen, die squadra azura im Spiel gegen »Neudeutschland« bedingungslos zu unterstützen. Grund hierfür war nicht nur der Gedanke an das geringere Übel, sondern auch die mich spontan ergreifende Lust an einer kleinen Feldforschung. Für den Fall einer Niederlage »unsrer deutschen Jungs« interessierte mich einfach, in welchen Gemütszustand die nunmehr ritualisierte »gefühlige« (und übrigens über alle Maßen nervtötende!) Masseneuphorie mit stets agressiven Zügen (vgl. nur die Schilderungen auf nichtidentisches) umschlagen, und wie sich ebenjener artikulieren sollte. Das Erwartete zeigte sich in aller Deutlichkeit:


Keine drei Minuten stand man vor der Lieblings-Pizzeria »Il Pino«, da nahten die ersten enttäuschten Volksdeutschen - oh Wunder -,
»Il Pino du wirst brennen! Il Pino du wirst brennen!« skandierend. Den treffenden Hinweis einiger Fußball-Uninteressierter auf den rassistischen Impetus solcher Äußerungen wussten die ganz im neuen »Wir-Gefühl« Aufgehenden sodann mit dem altbewehrten Mittelfinger und allerlei unverständlichen Beleidigungen zu quittieren.

Im direkten Gefolge jener apokalyptischen Vorhut traten zwei muskelbepackte Ganzkörper-Tätowierte auf den Plan, die für einen vorbeifahrenden Pizza-Lieferanten nichts Anderes übrig hatten, als die markigen Worte:
»Komm mal her, ich schlag' dir deine scheiß Fresse ein! Ich fick' deiner Mutter in den Arsch, du dreckiger Hurensohn!« - Naja, wie's halt als ma so läuft; da muss man sicher auch Verständnis für haben, schließlich hatten die Jungs schon ein paar »Schoppen« intus, und außerdem haben die Italiener ja wieder mal ganz schön nickelig gespielt - Zeit schinden und simulieren, das können'se!

All' dem noch nicht genug; der Ein oder Andere nahm obendrein - auch wenn die handzahme Freundin ihren ebenso hohlen Kopf beschämt gen Boden wandte - eine kleine Gruppe von Italien-Sympathisanten zum Anlass, unverblümt einzustimmen:
»Deutschland Deutschland über alles...«. Ach, was soll's!? Halb so wild, schließlich war das bis vor 25 Jahren doch auch noch erlaubt..

Wie man sich vielleicht denken kann, war mir an dem Punkt dann schon recht übel - ich hatte genug gesehen.
»Die Welt zu Gast bei Freunden«, das heißt offenbar, dass man sich hier nicht allzuviel erlauben sollte. Weder sollte man auf die Idee kommen, die neudeutsche Euphorie dezidiert nicht zu teilen, noch sollte man gegen Deutschland gewinnen - ansonsten wird aufgedreht! Es geht ganz offenkundig um mehr als um den Fußball; es geht um eine »deutsche Revolution« (zit. nach der Startseite von freenet.de) im Sinne einer »Wiederherstellung deutscher Normalität«. Wir wissen, dass diese deutsche Normalität eine antisemitische ist (vgl. Henryk M. Broder, Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Berlin 2005, S. 161).

Daher: Ob nun Portugal, Frankreich oder Italien gewinnt ist doch scheißegal, schließlich ist's nur schnöder Fußball, und schließlich sind die Deutschen endlich raus!

Tuesday, May 16, 2006

Wenn Nachtwanderungen politisch werden..

Es liegt freudig-fiebrige Erregung in der Luft: Ob nun spontan ein Spießroutenlauf durch die Marburger Innenstadt inszeniert, die örtliche Bundesstraße blockiert oder Hand in Hand der Tagungsort des Büttels umringt wird – die dem emsigem Gewusel erwachsende Stimmung könnte genauso gut die erste Nachtwanderung mit neuen Klassenkameraden begleiten. Soll vielleicht am Hinterausgang noch ein Trommler postiert werden? Steht dort oben auf der Brücke etwa ein »Bulle in Zivil«?! Die Nerven vibrieren: Schnell die Sonnenbrillen auf, Kapuzen oder Terrorwickel (»Nazilappen«) überstreifen und die rote Karte vorzeigen! Nicht dass uns der Klassenfeind noch durch die »Lappen« geht!


Jene Emotionalität ließe sich nicht beanstanden, genügte sie nur sich selbst oder wäre mit einem berechtigten Anliegen verbunden. Doch es scheint um mehr zu gehen. Der ernsthafte Wille zur Abwehr drohender Studiengebühren endet dort, wo von »Vernetzung des [apriorischen] Protestes an Neoliberalismus und Globalisierung« die Rede ist und gleichsam der »epistemische Humus aller Verschwörungstheorie« (Dan Diner) verkasematuckelt wird. Eine Ministerin will von der diskursunwilligen pfeifenden, rasselnden und grölenden Masse einfach nicht gehört sondern lieber beschimpft werden, von jener Masse, die sich an der Uni Leipzig andächtig lauschend und ganz im Sinne des »demokratisch aufgeklärten Common Sense« von Ted Honderich erklären lässt, warum Judenmörder ein legitimes Recht ausüben. Hier endet also die normative Universalität des studentisch-diskursiven Weltgeistes – dort wo alte neue linke Methoden und Ideen dem berechtigten Vollversammlungs-Appell der GEW, »mit aller rednerischen Überzeugungskraft auf den Bild-Zeitungsleser einzuwirken«, den Rang ablaufen.

Sunday, April 23, 2006

Auch bei Christiansen find' ich Menschen scheiße - 23.04.06

Andere Sendung, selbe Mischpoke!











- Hassan Dabbagh: Der gibt Frauen wiedermal nicht die Hand, verteilt am Ende der Sendung wiedermal - ein »friedliches Zusammenleben« wünschend - den Koran und ist wiedermal der festen Überzeugung, »100 % der Mitglieder seiner Gemeinde« würden seine fortschrittliche Position zur Zwangsehe (»Tradition, nicht Religion!«) teilen. Außerdem wünscht er allen nicht-Kopftuch-tragenden Muslimas sowie allen noch-fremdgeschlechtliche-Hände-drückenden Moslems »baldige Aufgeklärung«. Na, wenn das nicht modern ist! Achja: Niemand spricht das Wort ›Allah‹ derart skuril aus. Das ist doch was!

- Uwe-Karsten Heye: »Wer Wind säht, der wird Sturm ernten!« Mehr muss man zu Rütli-Schule und islamistischer Gewalt im Allgemeinen nun wirklich nicht sagen, da bin ich ganz ihrer Meinung.






- Heinz Möller: Die Hände zittern, die Stimme vibriert und schwankt zwischen bedächtigem Säuseln und herrischem Geschreie - der Mensch ist einfach irre!







- Jörg Schönbohm: Wir haben heute gelernt: »Auch für Neo-Nazis gilt die Unschuldsvermutung!« Na dann ist ja alles klar - Thema abgehakt! Und ob's nun ein Blonder oder ein Schwarzer ist, wen interessiert das schon? Außerdem muss man sich ganz generell über nichts wundern, wenn man anständige Volkdeutsche mit spurtigem Haupthaar als ›Schwein‹ bezeichnet. »Selber schuld!« - Wenn das kein juristischer Feinschliff ist. Achja: Lass' dir bitte mal die Augenbrauen zupfen und lern' Deutsch, sonst wird aufgedreht und ausgewiesen!

Friday, April 21, 2006

Was wir vom Kommunismus erwarten (1): »Knoblauch & co.«

Oder: Bis dahin wollen wir Markwirtschaft!

Welcher überzeugte Single kennt es nicht? Man schlendert durch's ›tegut‹ und sucht nach Zutaten für den abendlichen Schmaus. Nun ist mindestens die Hälfte der benötigten Ingredienzien nicht in der passenden Portionierung verfügbar; besonders augenscheinlich tritt dieses Phänomen beim Knoblauch zu Tage: In vier Wochen ist der hinüber und bis dahin wird man sicher nicht mehr als eine Handvoll Zehen benötigen. Dennoch bietet ›tegut‹ lediglich die Riesen-Bio-Knolle mit mindestens 35 Zehen oder das Bio-Netz mit drei Knollen à zehn Zehen an.

Was erwarten wir in Anbetracht solch offenkundiger Missstände, die, wenn das »Wegschmeißen« nicht so einen riesigen Spaß bereiten würde, absolut unerträglich wären? Food-Design! Was sonst? Wir wollen die genmanipulierte Mini-Knolle mit exakt 5 Zehen im Regal liegen haben; das ist das Mindeste, was wir vom Kommunismus erwarten können! Findet ihr doch auch, oder?

Menschen (bei Maischberger), die ich scheiße finde - 28.03.06

Leider etwas verspätet, aber die Blogeröffnung wurde verschimmelt. Mit der profilaktischen Verschleierung macht Sandra in der Tat das dem Tenor der Sendung Angemessene; sie ist halt nachgiebig, die Kleine. Aber denk' dran, die Haare müssten wir dann auch noch bedecken, gelle? Ich lass' die sinngemäßen Zitate einfach mal für sich sprechen, das sollte langen (listed in alphabetical order):











- Ingo Appelt: »Frauen in engen Jeans will ich nicht sehen, da muss ich ständig an Sex denken! Muss doch nicht sein! [...] Man muss auch mal die soziale Dimension sehen.«









- Hassan Dabbagh: »Danke, dass Sie das gesagt haben, Herr Appelt! [...] Wir verurteilen Terrorakte, da wir Muslime weltweit eine große Familie sind. Anschläge können immer auch unsere Brüder und Schwestern treffen! Wir verurteilen so etwas. [...] Sie achten nur auf meine Kleidung, Herr Özdemir!« (Sollte wohl heißen: »Sie sind doch islamophob, Herr Özdemir!«)




- Peter Hahne: »Wir müssen in diesen Zeiten wieder stärker auf unsere christlichen Wurzeln schauen. Sehen Sie mal: Ohne das Christentum gäbe es den Straftatbestand der ›unterlassenen Hilfeleistung‹ (§ 323c StGB) nicht - er ist allein auf das Gleichnis des barmherzigen Samariters zurückzuführen. [...] Immerhin habe ich ja Theologie studiert!«








- Günther Oettinger: [Pause, Pause, ...] »Lassen Sie uns doch in aller Ruhe über das Thema reden. Sehen Sie, in meinen Augen sind zwei Dinge ganz [spuck, schnalz] ganz [spuck, schnalz] wichtig; das sind Sprache und Integration.« [Im Laufe der Sendung etwa 20 mal wiederholt]